sound installation
ort...tacheles, Berlin
datum...12.08.–26.09.1999
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2.1

talking.sine 2.0 - Die toten Seelen von Weimar

Ihr sagt allzu einfach, ihr kennt die Welt der Geister nicht. Aber gehört ihr nicht doch zu jener Welt? Denn wenn ihr euer Gefäss, euren Körper, verlasst, seid ihr gleich einem Geist. Wenn ihr danach in den Körper zu- rückschluepfen könntet, würdet ihr wieder ein Mensch. Ihr seid also so- zusagen ein das Gefäss des Körpers tragender Geist. Diese Umwand- lung findet nur nicht allzu oft statt, und solange ihr euch im Körper be- findet, werdet ihr glauben, dass ihr die Welt der Geister nicht kennt. Verwunderlich: Die Form macht so viel aus.

Die Sound Installation von yoshida + frank befasst sich mit der Umwand- lung der Form. Mit Stoff umhüllt, wird das Treppenauge, die leere Mitte der Wendeltreppe, die eine formlose Leere ist, zu einem begrenzten leeren Raum. Durch die Frequenzänderung ausgelöst, wird das japanische Kurz- gedicht, das eine Botschaft von einer sterbenden Frau übermittelt, zu einem unentzifferbaren Ton. Bleiben die Leere, die eine räumliche Form bekommt, und die Botschaft, die ihre Sprachform verliert, mit dem Ursprünglichen dennoch wesens- gleich? Oder macht die Form überhaupt ihr Wesen aus? Die Antwort auf diese Frage der beiden Künstler findet ihr vielleicht, wenn ihr euch auch einmal selbst in eine andere Form umwandelt.

Das Kurzgedicht: sa ri to mo to o mo u ko ko ro ni ha ka ra re te yo ni mo ke fu ma de i ke ru i no chi ka (Von meiner eigenen Überzeugung betrogen, dass Ihr bald zurückkommt, habe ich bis heute das Leben vergebens ertragen.)

In der Kriegszeit im 16. Jahrhundert kehrt ein Mann nach langer Zeit nach Hause zurück und trifft dort seine Frau. Die Freude über das Wieder- sehen findet am nächsten Morgen ein jähes Ende, als er begreift, dass er lediglich einem Trugbild, einem Geist seiner Frau, begegnet ist. Sie ist schon längst tot. Das Kurzgedicht schrieb sie auf dem Sterbebett. Aus "ugetsu monogatari (Erzählungen unter dem Regenmond)" von Ueda Akinari, 18. Jh.

Akiko Fujino